Die Einsamkeit fällt ins Leere
Autor: Patrick N. Winters
© Storyparadies

Sie werden geboren, tun sich zusammen, bilden Tropfen, geballte und draengen weiter.

Ich liege da, am Sofa und weiß nicht mehr weiter. Still, verlassen, allein.
Meinen Kopf bekomm ich in absehbarer Zeit nicht mehr frei.
Meine Gedanken schwirren, kreisen und wollen nicht zur Ruhe kommen. Jeder von ihnen ist mit einer uebergroßen Portion Existenzrechtsglauben entstanden und will dadurch als erster gedacht werden. Ist mal einer soweit an die Reihe zu kommen, wird er verdraengt von einem anderen.
Sie haben nur ein Ziel - mich zu entjungfern.
Mich zu oeffnen fuer Gedanken und Gefuehle, die ich so zuvor noch nicht gedacht oder gefuehlt habe.

Sie fließen weiter, allein bis man sie einholt um sich zu Tropfen zu bilden, damit ihnen die Kraft nicht ausgeht.
Sie kommen immer weiter und markieren mit ihrer Spur ihren zurueck gelegten Weg - hinterlassen das Brandzeichen der Einsamkeit.

Ich liege da und denke nach.
Zumindest lasse ich mich von meinen Gedanken ficken.
Immer kurz rein, dann wieder raus weil ein anderer an der Reihe ist.
Sie koennte jederzeit anrufen. Ich koennte jederzeit dahinter kommen - Gott allein weiß wie ich das schaffen sollte.
Ich habe Angst - das alte Spiel.
Habe Angst, dass mir wehgetan wird.
Sie haben es wieder einmal geschafft. Haben mich so lange gefickt bis ich ihnen zuhoere. Ich wuerde ihnen normalerweise nicht einmal glauben.
Wuerde nicht einmal an ihre Existenz denken.
Haette den Keuschheitsguertel umgeschnallt und waere sicher vor ihnen.
Wuerde wissen, dass sie mich nie betruegen wuerde. Wuerde wissen, dass sie mich liebt. Wuerde wissen, dass sie mich vermisst, und wuerde wissen, dass - auch wenn sie es nicht zugibt - ihr auch ab und an solche Gedanken durch den Kopf gehen. Doch bei ihr wuerden sie nur durchspazieren und sie nicht so vergewaltigen wie mich.
Sie hat einfach mehr Selbstvertrauen als ich.
Ist mehr Realist als ich je sein kann.

Sie draengen weiter bis alles mit ihren Leichen besudelt ist, bis nur mehr Einsamkeit existiert und sie zum Ende angelangt sind.
Zum Ende des Bodens.
Die Schwerkraft siegt und sie ins Leere fallen.

Ich liege da und hasse mich. Hasse mich fuer die Angst und die Eifersucht, die mich beide denken ließen, dass mir wieder wehgetan wird.
Hasse mich fuer die Untaten die ich ihr zugesprochen habe in meinen Wahn. In dem der mich vergessen ließ, was fuer ein treuer Mensch sie ist.
Was fuer ein Engel.
Ich liege da und bemerke dass ich weine.
Die Traenen draengen, bilden Tropfen und fließen stoßweise weiter.
Aus meinen Augen, ueber mein Gesicht.
Und fallen am Schluss ins Leere.

 

Der Kleine, der Schatz, die Liebe und die Angst
Autor: Patrick N. Winters
© Storyparadies

Der Wind wehte die ersten toten Blaetter ueber den Weg.
Der Zaun gab leicht nach, stieß an und wackelte zurueck.
Am Rande des Weges lagen viele Kieselsteine, die den sonst nicht ersichtlichen Weg durch ihr bloßes Vorhandensein zart umrahmten, ihn begrenzten.
Die Raeder knirschten bei jedem Zentimeter den sie zuruecklegten.
Sie band sich ihren Mantel fester, enger, waermer um ihre weiche Taille.
Bueckte sich kurz hinab, und zog die Decke enger, damit er nicht friere.
Es war nicht so kalt, aber es war ein Instinkt, der sie dazu veranlasste ihr Kind zu schuetzen.
Sie wusste es nicht.
Der kleine Junge, vielleicht ein bisschen aelter als ein Jahr, freute sich. Hatte Angst.
In seinen kleinen Haenden, eingepackt unter der Decke, hielt er seinen Schatz, passte auf ihn auf. Den Schatz, den er zu verschenken gedachte. Den Schatz fuer seinen Freund.
Nach einer Weile blieb die Mutter stehen, drehte den Kinderwagen Richtung Zaun, und hockte sich neben ihren Sohn.
Sie kuesste ihn auf die Stirn, streichelte ueber seine Wange und sagte: „Gleich Benjamin. Gleich kommt er. Freust du dich schon?“
Der Kleine streckte seine kleinen Arme nach der Mutter aus, ohne seinen Schatz aus der Hand zu geben. Die Mutter, noch liebend, kam naeher, hielt seinen Kopf und gab ihm noch einen Kuss.
Ein Seitenblick durch den Zaun, Richtung Baum, Richtung Wald.
„Schau! Da kommt er, er kommt nur fuer dich, Benjamin. Ist er nicht schoen?“
Und tatsaechlich, er kam. Beschritt majestaetisch seinen Weg durch die Baeume. Senkte kurz das Haupt mit seiner herrlichen Krone, blickte noch mal auf und kam naeher.
Immer naeher.
„Schau wie schoen er ist. Zeig ihm deine Ueberraschung, dann kommt er her.“
Das Kind sah hinab auf seine Faust, grinste und oeffnete diese.
Sein Schatz, fuer seinen Freund. Eine Kastanie.
Vorsichtig, den Blick von der Kastanie langsam zu ihm gerichtet, hielt er seine Hand zum Zaun.
Der Hirsch kam naeher; majestaetisch, muskuloes, mit glaenzendem Fell.
„Du musst sie ihm naeher hinhalten, Benjamin. Sonst erreicht er sie nicht.“
Einen Blick zur Mutter, einen Blick zu ihm. Die Hand noch naeher.
Er stoeßt, mit seiner weichen Nase, gegen den Zaun.
Einen Blick zur Mutter, einen Blick zu ihm. Die Hand weiter weg.
„Du brauchst keine Angst zu haben. Er tut dir nichts. Ich passe schon auf dich auf, Benjamin.“
Einen Blick zur Mutter, einen Blick zu ihm. Die Hand schon wieder naeher.
Er stoeßt zum zweiten Male, mit seiner weichen Nase, gegen den Zaun.
Einen Blick zur Mutter, einen Blick zu ihm. Die Hand schon wieder weiter weg.
Er liebte den Hirsch.
Er hatte Angst vor ihm.
Er wollte sie ihm schenken.
Er wollte nicht, dass ihm wehgetan wurde.
Er liebte den Hirsch.
Er hatte Angst vor ihm.
Er liebte die Angst.
Er hatte Angst vor der Liebe.
Er war zwiespaeltig.
Liebte die Angst vor der Liebe.
Hatte Angst vor der Liebe zur Angst.
Er war zwiespaeltig.
War zwispild.


Zwischenmenschliches
Autor: Wolfgang Scholmanns
© Storyparadies

Tolle Arbeitskollegin“, mault Stefan.“ Stefan, ein langjähriger Mitarbeiter der Agentur, unterhält sich gerade mit Moni, einer Kollegin aus dem gegenüberliegenden Büro. „Sei doch mal ehrlich, hast du nicht auch den Eindruck, dass diese Frau sich äußerst seltsam benimmt? Ich glaube so langsam, dass es an der Zeit ist, ihr mal mitzuteilen, dass sie sich entweder zu einem Psychologen begibt oder einfach versucht, sich selbst zur Ordnung zu rufen. Damit meine ich, sie soll sich ein bisschen zusammenreißen. Gestern saß sie eine halbe Stunde, wie abwesend an ihrem Schreibtisch, starrte auf den Kalender an der Wand und nickte manchmal mit dem Kopf. Ich könnte noch einige ihrer Auffälligkeiten schildern, und du doch bestimmt auch, Moni. Das ist doch nicht normal, oder?“ Moni schüttelte den Kopf. „Sei nicht so hart, Stefan. Wer weiß was mit ihr los ist, und was in ihr vorgeht. Bestimmt sind es irgendwelche Sorgen, die sie in diese Situation gebracht haben.“ „Irgendwelche Sorgen, wer hat denn keine? Mir kommt es so vor, als lebe sie in einer Traumwelt und hat ihre eigene innere Wirklichkeit. Doch so geht das hier nicht. Hier wird Leistung gefordert. Du musst doch auch dein Tagespensum erfüllen. Arbeitest noch für sie mit. Lange sehe ich mir das nicht mehr an, dann werde ich die Geschäftsleitung informieren.“ „Das musst du mir schon überlassen, lieber Stefan. Ich arbeite für sie mit, weil sie im Moment ein Tief hat. Sie hat mir auch schon so manches Mal geholfen, wenn es mir nicht so gut ging.“ „Kapierst du nicht was ich meine, Moni? Diese Frau ist krank, und wenn sie nichts unternimmt, vielleicht auch aus dem Grund, weil sie ihre Krankheit nicht erkennt, muss die Geschäftsleitung ihr dabei helfen. Ich habe schon einmal mit einem Menschen zusammengearbeitet, dessen Leben, bzw. Erleben, von paranoid – schizoiden Positionen diktiert wurde. Diese Leute biegt man, wenn überhaupt, nur mit therapeutischer Hilfe wieder gerade. Das Selbst dieser Personen ist wie ich schon sagte, die eigene Wirklichkeit, die Traumwelt eben. Wir wissen, dass das Selbst die Realität benötigt um wachsen zu können, diese kranken Menschen müssen es erst wieder lernen.“ „Jetzt redest du aber ganz anders, Herr Kollege. Deine Worte hören sich gut an, hilfsbereit und irgendwie auch verständnisvoll.“ „Ich weiß, vorhin war ich ein wenig nervös. Habe den Schreibtisch voller Arbeit liegen und Madame schaut aus dem Fenster oder starrt an die Wand. Da kann man schon mal ausflippen.“ „Ja, ist schon gut, ich weiß ja, dass du ein weiches Herz hast. Ich habe letztens in einem Buch, indem ein Psychotherapeut über psychoanalytische Untersuchungen und Therapien berichtet, von einem Fall gelesen, bei dem es um eine Frau ging, die, wenn sie sich zurückzog, eine Welt des idealisierten Zusammengehörens erlebte. Sie suchte nach Hilfe, weil ihr etwas zu schwer wurde, konnte aber nicht ausdrücken, was ihr zu schwer wurde. Diese Welt war die Basisstation die sie benötigte, um anderen, hier z.B. dem Therapeuten, ihr Erleben von Nichtzugehörigkeit, Fremdheit und des sich nicht aufgehoben gefühlt seins, mitteilen zu können. Es war für sie eine umstürzende Entdeckung, als es ihr in der Psychoanalyse gelang, dem Therapeuten diese Zurückgezogenheit zu erkennen zu geben. Von da an ließ sie nicht mehr davon ab zu versuchen, auszudrücken, was sie fühlte, womit sie meinte, von den Schrecken und Tröstungen ihrer inneren Welt so zu sprechen, wie sie es erlebte, und dabei das Gefühl zu haben, dass der Therapeut erkannte wovon sie sprach.“ “Furchtbar, diese psychischen Krankheiten, aber es ist wohl so, dass jemand, der solche Situationen noch nicht erlebt oder mitgemacht hat, da nur wenig, oder gar nicht, mitfühlen kann. So aber nun an die Arbeit. Ich werde nachher mal mit unserer Kollegin sprechen. Vielleicht ist sie ja froh darüber, wenn sie spürt, dass man sich ihrer annimmt.

 

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