Lektion 9 - Bookmarks
Immer rascher fliegt der Funke
Jede Dschunke und Spelunke
Wird auf Wissenschaft bereist,
Jede Sonne wird gewogen
Und in Rechnung selbst gezogen,
Was noch sonnenjenseits kreist.
Immer höh're Wissenstempel,
Immer richt'ger die Exempel.
Wie Natur es draußen treibt,
Immer klüger und gescheiter,
Und wir kommen doch nicht weiter,
Und das Lebensrätsel bleibt
Theodor Fontane
1819 - 1898
Kein Feuer, keine Kohle
Kann brennen so heiß
Als heimliche Liebe,
Von der niemand nichts weiß.
Keine Rose, keine Nelke
Kann blühen so schön,
Als wenn zwei verliebte Seelen
Beieinander tun stehn.
Setze Du einen Spiegel
Ins Herz mir hinein,
Damit du kannst sehen,
Wie so treu ich es mein' !
Unbekannter Dichter,
18.Jh.

Empfangen und genähret
Vom Weibe wunderbar,
Kommt er und sieht und höret
Und nimmt des Trugs nicht wahr;
Gelüstet und begehret
Und bringt sein Tränlein dar;
Verachtet und verehret,
Hat Freude und Gefahr;
Glaubt zweifelt, wähnt und lehret,
Hält nichts und alles wahr;
Erbauet und zerstöret
Und quält sich immerdar;
Schläft, wachet, wächst und zehret;
Trägt braun und graues Haar.
Und alles dieses währet,
Wenn's hoch kommt, achtzig Jahr.
Dann legt er sich zu seinen Vätern nieder,
Und er kommt nimmer wieder.
Matthias Claudius,
1740 - 1815
Nun verlaß' ich dies Hütte,
Meiner Liebsten Aufenthalt,
Wandle mit verhülltem Schritte
Durch den öden, finstern Wald:
Luna bricht durch Busch und Eichen,
Zephir meldet ihren Lauf,
Und die Birken streun mit Neigen
Ihr den süßten Weihrauch auf.
Wie ergötz' ich mich im Kühlen
Dieser schönen Sommernacht!
O wie still ist hier zu fühlen,
was die Seele glücklich macht!
Läßt sich kaum die Wonne fassen;
Und doch wollt' ich, Himmel, dir
Tausend solcher Nächte lassen,
Gäb' mein Mädchen eine mir.
Johann Wolfgang Goethe,
1749-1832
Abend wird es wieder:
Über Wald und Feld
Säuselt Friede nieder,
Und es ruht die Welt.
Nur der Bach ergießet
Sich am Felsen dort,
Und erbraust und fließet
Immer, immer fort.
Und kein Abend bringet
Frieden ihm und Ruh',
Keine Glocke klinget
Ihm ein Rastlied zu.
So in deinem Streben
Bist, mein Herz, auch du:
Gott nur kann dir geben
Wahre Abendruh'.
Heinrich Hoffmann von Fallersleben
1798 - 1874
Weißt du, wieviel Sternlein stehen
An dem blauen Himmelszelt?
Weißt du, wieviel Wolken gehen
Weithin über alle Welt?
Gott der Her hat sie gezählet,
Daß ihm auch nicht eines fehlet
An der ganzen großen Zahl.
Weißt du wieviel Mücklein spielen
In der hellen Sonnenglut?
Wieviel Fischlein auch sich kühlen
In der hellen Wasserflut?
Gott der Herr rief sie mit Namen,
Daß sie all' ins Leben kamen,
Daß sie nun so fröhlich sind.
Weißt du, wieviel Kinder frühe
Stehn aus ihren Bettlein auf,
Daß sie ohne Sorg und Mühe
Fröhlich sind im Tageslauf?
Gott im Himmel hat an allen
Seine Lust, Sein Wohlgefallen,
Kennt auch dich und hat dich lieb.
Wilhelm Hey
1790 - 1854
Leise zieht durch mein Gemüt
Liebliches Geläute,
Klinge, kleines Frühlingslied,
Kling hinaus ins Weite.
Kling hinaus bis an das Haus,
Wo die Blumen sprießen.
Wenn du eine rose schaust,
Sag', ich laß' sie grüßen.
Heinrich Heine
1797 - 1856
Wir träumten voneinander
Und sind davon erwacht,
Wir leben, um uns zu lieben,
Und sinken zurück in die Nacht.
Du tratst aus meinem Traume,
Aus deinem trat ich hervor,
Wir sterben, wenn sich eines
Im anderen ganz verlor.
Auf einer Lilie zittern
Zwei Tropfen, rein und rund,
Zerfließen in eins und rollen
Hinab in des Kelches Grund.
Friedrich Hebbel
1813 - 1863
Fragst du mich, woher die bange
Liebe mir zum Herzen kam,
Und warum ich ihr nicht lange,
Schon den bittern Stachel nahm?
Sprich, warum mit Geisterschnelle
Wohl der Wind die Flügel rührt,
Und woher die süße Quelle
Die verborgnen Wasser führt?
Banne du auf seiner Fährte
Mir den Wind im vollen Lauf!
Halte mit der Zaubergerte
Du die süßen Quellen auf!
Eduard Mörike
1804 - 1875
Das Rad der Zeit hat sich gewendet und uns ein neues Jahr gespendet.
Was wird die nächste Zeit bringen? Kein Aug kann ihre Nacht durchdringen.
Ich wünsch aus meiner Seele Grund: Verbleibe froh du und gesund;
Und was dem Alter an Beschwerden anklebt, das mög erträglich werden.
Du bist des Besten dir bewusst, es atmet leicht drum deine Brust.
Der Lenker in den Höh'n bewahre dein Leben noch recht viele Jahre;
Spende dir hier im Voraus schon den ganz und reich verdienten Lohn!
Aus dem 19.Jh